Deutschland. EinWintermärchen

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(nicht von Heinrich Heine)

ein Gastbeitrag

Ich bin in einer Bauernkate. Ein kleines Feuer brennt im Ofen und obwohl es nur wenig Wärme spendet, ist es warm und behaglich in der Behausung. Kinder sitzen im Kreis auf dem rohgezimmerten Fußboden,  ein älteres Mädchen liest aus der Bibel vor. Ein blinder Mann in der Ecke schnitzt eine Figur aus Holz. Eine Frau bereitet ein Abendessen vor – es gibt Kartoffeln, für jeden zwei und gesalzene Heringe – ein Festmahl. Die einzige Kerze auf dem Tisch in der Mitte des Raumes wirft Schatten an die verrußte Decke und zaubert einen Heiligenschein. Draußen schneit es. Es ist kein Tannenbaum im Raum, keine Geschenke und doch weiß ich, dass es Heiligabend ist. Ich kann  den Weihnachtsgeist regelrecht  spüren.

Der Wecker klingelt neben meinem Bett. Ich werde unsanft aus dem Schlaf gerissen und der Traum endet abrupt. Die Heizung zischt, es ist warm im Raum, doch aus irgendeinem Grund fröstelt es mich und ich ziehe die Decke bis zu dem Kinn hoch. Es ist Heiligabend, fällt es mir ein und ich muss nicht zu Arbeit. Also drehe ich mich wieder um und versuche wieder einzuschlafen. Doch es geht nicht mehr. Das Zischen der Heizung nervt, die Gedanken in meinem Kopf vermehren sich explosionsartig. Ich muss doch noch die letzten Weihnachtsgeschenke besorgen, die Wohnung putzen und… es war doch noch etwas… Der letzte Schlaf ist wie weggeblasen, also stehe ich auf und stampfe lustlos in die Küche um den alten Wasserkocher für den Kaffee an zu machen, bevor ich ins Bad gehe. Eine Espressomaschine wäre vielleicht praktischer, denke ich mir noch, bevor ich mich für meine Schwäche schäme. Keine Espresso Maschine!

Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle sehe ich mich um. Viele Fenster sind hell erleuchtet. Kunststoffkerzen und elektrische Pyramiden sollen die festliche Stimmung zaubern und doch spüre ich keine. Die blinkende Girlande beim Gemüsemann reizt meine Augen und ich sehe weg. Die Straßenbahn kommt, also beeile ich  mich.

Es ist ein gewohntes Bild. Die meisten Menschen in der Straßenbahn starren auf ihre Handys oder haben Kopfhörer in den Ohren und obwohl es voll ist, fühle ich mich auf einmal Menschenseelen allein.  Also starre ich aus dem Fenster und lasse meine Gedanken zu. Wie kann es nur sein, dass in der ganzen Informationsflut, der wir ausgesetzt sind, wir doch so wenig wissen?So wenig verstehen und so wenig Interesse für die wesentlichen Dinge zeigen?Wie können wir nur so blind sein? Eine Kirche und noch eine. Wozu brauchen wir so viele Kirchen, wenn wir doch aufgehört haben an Gott zu glauben? Wir haben uns so weit vor Gott entfernt, dass wir ihn nicht mal erkennen würden, wenn wir direkt vor ihm stünden. Die Gebete haben wir vergessen und vor lauter Lärm des Fortschrittes könnten wir ihn nicht hören, selbst wenn er nach uns rufen würde.

In der Stadt versuche ich das Meiste auszublenden, sonst kann ich es nicht ertragen. Es ist 10 Uhr. Obwohl es ein Werktag ist, stehen schon dutzende Menschen vor den Läden, die genau wie ich, die letzten Geschenke besorgen wollen, oder müssen? Was spielt das für eine Rolle. Ich gehe rein.  Grelles Licht soll die Berge unnützer Dinge besser in Szene setzen. Riesige blinkende Kunststofftannenbäume, die giftige Dämpfe absondern, sollen festliche Stimmung bei uns auslösen und unsere Kauflust stimulieren. Wie konnten wir es nur so weit kommen lassen! Wie können wir nur so blind sein, schallt es in meinem Kopf und ich versuche den Drang, die Flucht zu ergreifen, zu unterdrücken.  Ich hasse Menschenmassen, ich hasse einzukaufen, ich gehe nie einkaufen, nur wenn es sich nicht vermeiden lässt – platzt es aus mir heraus. „Was bist du nur  für eine Frau“? – höre ich meine Arbeitskollegin in meinem Kopf fragen. „Shoppen ist modern!“. Ja.Wahrscheinlich. Nur ich bin es irgendwie nicht. Warum muss alles nur so schick, modern und trendy sein? Allein schon der Klang dieser Wörter ist mir zu wider. Immer nur Konsum um der Dingens Willen, die morgen schon wieder Keiner braucht!

Warum 20 Oberteile, wenn es doch auch drei reichen. Oder 100 Tiegelchen mit künstlichem Zeug, die mehr schaden, als sie der Schönheit nutzen. 

Das Wort Bescheidenheit steht zwar immer noch in unserem Wörterbuch, doch kaum jemand kann etwas damit anfangen. Das ist wie eine Droge. Wir brauchen sie, um durch den Tag zu kommen. Um die Leere in unserer Seele zu füllen. Um den Schmerz unserer Entwurzelung zu betäuben.

Wir kaufen Geschenke, um am Weihnachten uns selbst zu feiern. Denn was dieser Tag in Wirklichkeit bedeutet, haben wir schon längst vergessen. Wir präsentieren unsere Hülle mit frischer Haarfarbe und neuem Kleid, denn das ist es, was von uns noch übrig geblieben ist, eine Hülle. Uns ist es wichtiger, was die Anderen über uns sagen oder denken. Wir messen uns gegenseitig nach dem Preis der unnützer Geschenke und dem Aussehen der Verpackung, die im selben Moment im Müll landet um später in unseren Meeren umherzutreiben und  um unsere Fische zu vergiften, die wir dann wiederum essen.

Und später sinnieren wir darüber, dass wir immer kranker werden und dass früher alles besser war. Ist das nicht paradox?  Wir sind solche Heuchler, jeder einzelner von uns. Irgendwann mal in unserer europäischen Geschichte sind wir falsch abgebogen. Wir haben uns nach und nach selbst entwurzelt, unserer Werte entledigt und  nun  verhungern wir langsam am vollgedeckten Tisch, denn die Nahrung, die wir zu uns nehmen, nährt zwar unseren Körper aber nicht unseren Geist.

In unserem Unterbewusstsein, sehnen wir uns nach guten alten Zeiten, nach einfachen Dingen, die uns Sicherheit und Beständigkeit vermitteln. Die Industrie hat es längst erkannt und verkauft uns seit langem „Landmilch“, von den Kühen, die niemals Sonnenlicht sahen, Eier mit glücklichen Hühnern auf der Verpackung, die mit Antibiotika vollgepumpt sind oder „Omas Kuchen“ vom Fließband. Das Traurige dabei ist, das wir von dem Betrug schon immer wussten, machen aber dennoch den Anschein, dass wir es glauben. Weil es für uns bequem ist die Lüge aufrecht zu erhalten, als sich selbst zugestehen, dass wir nicht den unwesentlichen Teil der Schuld mittragen.

Wir kaufen uns minderwertige Shabby chick Artikel aus China, die uns das kurze Gefühl der heilen Welt vermitteln,  belügen uns selbst und bereichern damit die Werbeindustrie. Und da wir eben NOCH NICHT tot sind, haben wir auch ein Bedürfnis zu helfen, das in unserem christlichen Unterbewusstsein tief verankert ist. Da es aber gestört ist, sind wir nicht in der Lage die wirklich Bedürftigen zu erkennen – nämlich uns selbst. Also suchen wir uns andere Bedürftige aus dem Morgenland aus, um uns besser zu fühlen. Wir verhungern und vergiften uns selbst, während wir in voller Überzeugung die Armen ins Land holen.

Ein kluger Mann gesagte einst, dass es keine Sünde sei, einen sündhaften Gedanken zu empfangen. Es ist nur natürlich und zu erwarten, dass der Teufel irgendwann an unserer Tür klopft. Doch es liegt an uns selbst diesen Gedanken zu nähren und somit den Teufel über die Türschwelle zu lassen. Doch über diesen Moment sind wir schon längst hinweg. Der Teufel ist bereits unter uns und er musste nicht mal klopfen,sondern nur abwarten.  Wir haben ihn selbst eingeladen und einen Platz an unserem vollgedeckten Weihnachtstisch neben der Kunststoffkerze reserviert. Dem Jesus, der eigentlicher Grund unserer Zusammenkunft sein sollte, bleibt gar keine Chance.  Wir sind so mit uns selbst beschäftigt und mit dem, was uns noch zum Glücklichsein fehlt, dass wir ihn glatt vergessen haben. Wir müssen uns ja um unseren Gast kümmern. Und wehe dem, dass ihn jemand schief anguckt oder ein Argument gegen seine Anwesenheit bringt. Die letzte Vernunft, wird sofort im Keim erstickt. Denn wir sind ja tolerant und derjenige, der es nicht ist,  muss ein Rassist, Xenophob, Homophob oder dergleichen sein und hat an unserem Tisch nicht zusuchen!  Und da Demokratie und Gleichberechtigung bei uns groß geschrieben werden, haben wir gleich neben unserer Kirche jeweils rechts und links einen Tempel für unseren Gast gebaut, er soll sich bei uns wie zu Hause fühlen!

In diesem Sinne, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Frohe Weihnachten und möge Gott uns gnädig sein!