Gattung Homo und seine zwei Gesichter

Eine Lektion aus der Natur

Lesezeit: 6 Minuten

Ein Gastbeitrag von Zauberlöwin. Zuerst erschienen auf fischundfleisch

Der Mensch ist die einzige existente Art der Gattung Homo.

Der Homo sapiens (lat. „verstehender, verständiger oder weiser, vernünftiger Mensch“) ist nach der biologischen Systematik ein höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten, das zu Unterordnung der Trockennasenprimaten und dort zur Familie der Menschenaffen (Hominidae) gehört. Seine nächsten Verwandten sind Bonobos (Pan paniscus), fälschlicherweise auch als Zwergschimpansen bezeichnet, und Gemeine Schimpansen (Pan troglodytes), auch Gewöhnliche Schimpansen oder nur Schimpansen genannt.

Die beiden Affenarten wurden erst vor ein bis zwei Millionen Jahren durch die Evolution getrennt. Der Grund für die Trennung dürfte ein geografisches Hindernis gewesen sein: der Kongo-Fluss. Dabei ist etwas Rätselhaftes passiert: während die Bonobos ihre Konflikte durch Sex, auch zwischen Weibchen, beseitigen, lösen Schimpansen ihre Konflikte durch Gewalt und Aggression.

Bonobos in Frankreich, südlich von Poitiers, im Tal der Affen. http://www.parcsetloisirs.fr/uploaded/grosplans/grosplans_image_3_29.jpg

Ungleiche Verwandte

In Afrika leben die beiden Affenarten getrennt durch den – vor etwa 1,5 bis 2,5 Millionen Jahren entstandenen Fluss – Kongo: die Bonobos südlich, die Gemeinen Schimpansen nördlich in Äquatorialafrika. Und da sie nicht schwimmen können, bleiben sie auf ihrer jeweiligen Uferseite.

Bonobos sind reine Regenwaldbewohner. Die Nahrungssuche in ihrem Verbreitungsgebiet ist leicht genug, um ein ruhiges Leben ohne größere Konkurrenzkämpfe mit benachbarten Gruppen oder innerhalb der eigenen führen zu können. Begegnen sich fremde Bonobogruppen an den Grenzen ihres Reviers, so laufen die Weibchen zu den fremden Affen hin, reiben in Missionarsstellung ihre Genitalien an ihnen und kreischen freudig dabei. Sie scheinen Spaß daran zu haben, weshalb sie auch als „Kamasutra-Primaten“ oder „Primatenhippies“ bezeichnet werden. Sex dient nicht nur der Fortpflanzung, sondern auch der Stärkung von sozialen Beziehungen. Die Männchen spielen alsbald mit den Kindern der fremden Bonobogruppe.

Diese Verhaltensweisen können als Willkommenskultur bezeichnet werden.

In Bonobogesellschaften ordnen sich die Männchen den Weibchen unter, – beispielsweise verteilen die Weibchen Stücke der Beute –, wenngleich sie größer und kräftiger sind. Von linksliberalen Homo sapiens werden Bonobos gerne als Vorzeigevorfahren romantisiert. Offenbar ist nicht nur das Patriarchat ein Erfolgsmodell!

Schimpansengesellschaften werden hingegen von kräftigen Alphamännchen regiert. Entlang den Reviergrenzen patrouillieren Männchentrupps, welche Jagd auf fremde Schimpansen machen, diese verstümmeln, in Stücke reißen und töten, auch Jungtiere werden nicht verschont. Vergewaltigungen sind weit verbreitet unter Schimpansen, bereits junge Tiere stellen Weibchen nach, um sie sexuell zu nötigen. Nur selten kooperieren Schimpansen und verhalten sich gegenüber befreundeten Artgenossen fair, wobei sie in keiner Weise an die Bonobos und deren Nächstenliebe heranreichen.

Die Rätsel der Wissenschaft lauteten:

„Warum hat die Evolution eine soziale Spezies wie die Bonobos hervorgebracht?“ „Wie hat die Evolution aus einem gemeinsamen Vorgänger zwei so unterschiedliche Arten hervorgebracht bzw. welche Umstände haben die Bonobos zu Diplomaten und die Gemeinen Schimpansen zu Diktatoren gemacht?“ „Was bedeutet das für den Menschen?“ „Gehörten unsere Vorfahren eher zur Fraktion „Haudrauf“ oder zur Fraktion „Kamasutra“?

Die Gesellschaftsstruktur lässt vermuten, dass der Mensch näher am Schimpansen ist, die Toleranz und das kooperative Verhalten hingegen gehen Richtung Bonobo.

Bonobos https://www.wwf.de/fileadmin/user_upload/Bilder/940-Bonobo-2-c-Arco-Images_01.jpg

Bonobos, Gemeine Schimpansen und Menschen

Vor 16 Millionen Jahren lebte auf Erden irgendein Affe, der Vorfahre aller heute lebenden Menschenaffen: den Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen, Bonobos und Menschen. Was den Verwandtschaftsgrad der Spezies Bonobo, Schimpanse und Mensch anbelangt, wird von einer genetischen Äquidistanz ausgegangen: das heißt der Abstand zueinander ist gleich groß.

Der Bonobo wurde erst 1929 vom deutschen Zoologen Ernst Schwarz als eigene Spezies entdeckt, von Harold Coolidge wurden 1933 erste Arbeiten veröffentlicht. Der weltweit einzige natürliche Lebensraum der Bonobos liegt in einem schwer zugänglichen Gebiet in der Demokratischen Republik Kongo in Zentralafrika, wo der Bonobo die tropischen Tieflandregenwälder in Höhen von bis zu 1.500 Metern besiedelt. Der Name „Bonobo“ basiert vermutlich auf der Stadt „Bolobo“ am Unterlauf des Kongo-Flusses. Die Bezeichnung „Zwergschimpanse“ wird nur noch selten verwendet, da er nicht wesentlich kleiner ist als der Gemeine Schimpanse. Auch der lateinische Artname „Pan paniscus“ zeugt bis heute von diesem Irrtum, denn der Schimpanse trägt den Gattungsnamen Pan nach dem gleichnamigen Hirtengott. Pan paniscus bedeutet demnach so viel wie “kleiner Schimpanse”. Im Unterschied zu den Schimpansen haben Bonobos jedoch ein völlig schwarz gefärbtes Gesicht mit auffälligen, roten Lippen. Des Weiteren unterscheiden sie sich durch den schlankeren Körperbau und die längeren Beine von den Schimpansen. Sie errichten in den Baumwipfeln Tag- und Nachtnester, wo sie die meiste Zeit verbringen, und ernähren sich von Früchten, Nüssen, Blättern, Kräutern, Samen, Blüten und Rinde. Gelegentlich fressen sie auch tierische Nahrung, wie Insekten und kleine Wirbeltiere.

Wenngleich Gemeine Schimpansen und Bonobos etwas enger miteinander verwandt sind als es der Mensch mit den beiden Arten ist, gibt es Bereiche des Genoms welche zeigen, dass sich in 1,6 % der untersuchten Stellen die Erbinformation von Mensch und Bonobo mehr ähnelt als die von Schimpanse und Bonobo. In weiteren 1,7 % ist das menschliche Genom dem Schimpansen näher als dem Bonobo. Die Forschung spricht von einer „mosaikartigen“ Evolution.

Was heißt das aber? – lassen sich daraus Rückschlüsse auf das unterschiedliche Sozialverhalten von Schimpansen und Bonobos ziehen? Diese Forschungsfrage hat durchaus weltanschauliche Hintergedanken, denn die beiden eng miteinander verwandten Menschenaffenarten unterscheiden sich immens in ihrem Verhalten. Während sich bei den Schimpansen aggressive männliche Jungtiere in Gangs zusammenfinden, die einander im Kampf um Territorien töten, die sich extrem fremdenfeindlich verhalten, die ihre Gegner foltern, die Weibchen vergewaltigen, die die Nachkommen anderer Artgenossen töten und Schimpansenverbände von einzelnen Alphamännchen dominiert werden, welche Seilschaften knüpfen, um sich ihre Macht zu sichern, sind Bonobos verspielt und nur wenig aggressiv. Der Ton wird von den Weibchen angegeben.

Bonobos – attraktive Weibchen sind erfolgreicher

Weibliche Dominanz über Männchen stellt bei Säugetieren ein seltenes Phänomen dar, der Bonobo gehört zu diesen wenigen Ausnahmen. Auch wenn ausgewachsene Bonobomännchen größer und stärker sind als die Weibchen, haben die Weibchen eine besonders hohe Stellung im Dominanzgefüge. Die Bonobos leben in matriarchalisch geführten Gruppen und verzichten weitgehend auf Kämpfe. Sie lösen ihre zwischenäffischen Probleme zumeist durch Sex, und zwar in jeder denkbaren Konstellation. Sexualkontakte dienen nicht vorrangig – entgegen den funktionalen der Schimpansen – der Fortpflanzung, sie werden auch im Kontext sozialer Auseinandersetzungen, wo ihnen eine deutlich spannungsmindernde bzw. friedensstiftende Funktion zukommt, eingesetzt. Wenngleich Bonobos keine hundertprozentigen Pazifisten sind, werden sie ihrem „Make-love-not-war-Image“ gerecht: sie zeigen eine besonders ausgeprägte sexuelle Aktivität und ein für Primaten außerordentlich breites Spektrum an Sexualkontakten, beispielsweise haben sie homosexuelle Kontakte, Sexualkontakte von Jungtieren untereinander oder zu Erwachsenen sind häufig. Sie onanieren, masturbieren sich gegenseitig und haben Oralverkehr. Beim Geschlechtsakt in Missionarsstellung sehen sie sich gegenseitig in die Augen.

Interessant ist, dass dominante Weibchen weniger aufgrund von geschlossenen weiblichen Allianzen ohne starre Hierarchie ihre Vormachtstellung erreichen, sondern vielmehr durch ihre Attraktivität. Wenn Weibchen sexuelle Bereitschaft zeigen, gewinnen sie Auseinandersetzungen mit Männchen leichter. Besonders schön und begehrt sind Weibchen dann, wenn sie eine höhere Empfängnisbereitschaft durch die auffallende rosa Genitalschwellung signalisieren, die bei Affen normalerweise die Fruchtbarkeit anzeigt. Bonoboweibchen sind jedoch nur in 30 bis 50 % der Zeit, in der die Schwellung erkennbar ist, fruchtbar. Das Weibchen hat den Schlüssel in der Hand und sucht sich den nettesten Bonobobuben aus. Dass sich die Männchen zu diesen Zeiten weniger aggressiv verhalten, unterscheidet sie deutlich von Schimpansenmännchen.

Seit in den 1970er-Jahren eine mehrjährige brutale Auseinandersetzung zwischen zwei Schimpansengruppen „im Schimpansenkrieg von Gombe“stattgefunden hat, werden Schimpansen als ähnlich gewaltbereit wie der Mensch betrachtet. Wie häufig Schimpansen andere töten, unterscheidet sich zwischen den Populationen: Ostafrikanische Artgenossen töten häufiger als die westafrikanische Unterart. Die meisten Opfer sind mit den Angreifern nicht verwandt und gehören einer zahlenmäßig unterlegenen Gruppe an. Indem Schimpansen Artgenossen töten, beseitigen sie Rivalen und verschaffen sich durch die Tötung Vorteile durch den Gewinn von Territorium, Nahrung und potentiellen Paarungspartnerinnen.

Lässt sich anhand der Affengene vielleicht sogar manches Phänomen der menschlichen Gesellschaft deuten?

Der Urform am nächsten

Grundsätzlich ähneln Menschen in einige Aspekten den Bonobos stärker als den Schimpansen und teilen umgekehrt Merkmalsausprägungen nur mit den Schimpansen. Es gibt Hinweise, die darauf hindeuten, dass Bonobos – zumindest was das Äußerliche betrifft – jenem mit dem Menschen gemeinsamen Vorfahren, der vor vielen Millionen Jahren lebte, dem „Pancestor“ (abgeleitet von „ancestor“ für Vorfahre und dem Gattungsnamen „pan“), am ähnlichsten ist. Wie sich dieser gemeinsame Urahn verhielt – ob kriegerisch oder friedlich – bleibt reine Spekulation.

Obwohl sich Schimpansen und Bonobos genetisch stark ähneln, sind die Unterschiede im Verhalten groß. Immerhin herrscht unter Schimpansen eine stark von Männer umkämpfte Hierarchie, während Bonobos weniger aggressiv sind. Die Bonoboweibchen sind Taktgeber des ausgeprägten Soziallebens.

Beim Menschen scheint es sich um einen „bipolaren Menschenaffen“zu handeln, der an manchen Tagen so sanft und freundlich wie ein Bonobo und an schlechten so tyrannisch und brutal wie ein Schimpanse ist, schrieb Frans de Waal in „Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote“.

Literaturen:

  • URL: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2012-06/bonobo-genom/komplettansicht.
  • URL: https://www.wwf.at/de/bonobo/.
  • URL: https://derstandard.at/2000056940125/Unsere-Urahnen-koennten-Bonobos-geglichen-haben.
  • URL: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/bonobos-schimpansen-stammbaum-verwandtschaft-sex-gewalt.
  • URL: https://www.mpg.de/7458209/bonobos_dominanz.
  • URL: https://www.mpg.de/8407631/schimpansen_maennchen_gewalt.

Videoempfehlung:

„Das Sexualverhalten der Bonobos und seine Funktionen sozialen Spannungsabbaus.“ URL: https://av.tib.eu/media/9318.

Titelbild: Bonobos in Frankreich, südlich von Poitiers, im Tal der Affen. http://www.parcsetloisirs.fr/uploaded/grosplans/grosplans_image_3_29.jpg

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