“khaira ummatin” – “die beste aller Gemeinschaften” oder Allah is the only reality

Ein Gastbeitrag von Zauberlöwin. Zuerst erschienen auf fischundfleisch

Die provokanten Aussagen des mittlerweile verstorbenem, streitbarem Kurt Krenns, früherem Diözesanbischof von St. Pölten, der sich selbst als „Vertreter der Wahrheit Gottes“ bezeichnete, überschatteten seine gesamte Amtszeit von heftigen Kontroversen. Über den Islam wetterte er, dass dieser eine aggressive Religion sei, welche sich, notfalls mit Gewalt, über den ganzen Erdball ausbreiten wolle. Immerhin sei ihr Religionsstifter ein Krieger und Feldherr gewesen, der sich in blutigen Auseinandersetzungen durchgesetzt habe.

Den von Kurt Krenn getätigten Aussagen wurde/wird häufig entgegengehalten, dass es “den Islam” nicht geben würde, dass es seit Jahrhunderten keinen Kalifen, welcher ursprünglich eine papstähnliche Rolle inne hatte, mehr gäbe und dass es zahlreiche Strömungen innerhalb des Islams geben würde – von gemäßigt über mystisch bis hin zu fundamentalistisch-extremistisch. Der Auftrag der Welteroberung würde zwar theoretisch existieren und werde auch von gar nicht wenigen fundamentalistischen Gelehrten todernst genommen, die weitaus überwiegende Zahl der frommen Muslimen würden sich aber in der Praxis damit zufrieden geben, ihre Religion in einer gemäßigten Form zu leben.

Dennoch lag Krenn mit seiner Beobachtung, dass sich militante Islamisten und Terroristen unter der 15 Millionen Menschen starken islamischen Bevölkerung in Europa (Algerier, Tunesier, Marokkaner in Frankreich, Pakistani in Großbritannien, Türken, Kurden, Ägypter, Saudis usw. in Deutschland) befinden, – er sprach in diesem Zusammenhang von der “dritten Türkenbelagerung” -, goldrichtig. Rückständige, verunsicherte, ausgegrenzte Menschen schließen sich dem radikalen Islam an bzw. wenden sich dem Terrorismus zu, um ihren Selbstwert zu finden und/oder sich gegen eine als dekadent und übermächtig empfundene westliche Welt zu “wehren”.

Davon geht sehr wohl eine Bedrohung für die “Gastländer” bzw. die westliche Welt generell aus. Der beste Beweis dafür ist Mohammed Atta, einer der Todespiloten des World Trade Centers. Die Bedrohung schaut allerdings anders aus, als es sich Bischof Krenn vorgestellt hat und die er aus seinem Kindheits- und Jugendmilieu kannte, nämlich die “Umvolkung” von Österreichern und Europäern durch die geburtenfreudigen Türken. Im Hintergrund der Ideologie des ultrakonservativen Krenns, welche in der breiten Bevölkerung Echo fand, kann Neid auf den Islam gestanden sein, der im Gegensatz zum Christentum im Westen die Gesellschaft voll im Griff hat und überdies in vielen Ländern auch Staatsreligion ist. Was einer der Gründe – wenn nicht der Hauptgrund für die Rückständigkeit der islamischen Länder – ist, ist die Unterdrückung des freien Denkens durch eine religiöse Ideologie; dies fehlt dem Christentum im Gegensatz zum Islam, nämlich die ungebrochene Vorherrschaft des reinen Glaubens.

Kurt Krenns Denken kann als Mischung aus Bewunderung und Furcht angesehen und achselzuckend abgetan werden, wovon man sich jedoch nicht abwenden kann, ist die besondere Konstellation des Islam in der heutigen Welt, die ihn zu einem beträchtlichen Problem macht: Der Islam, und zwar auch in seiner militantesten Form, herrscht in einer Region, die von Marokko über Afghanistan und Pakistan bis hin zu Indonesien (mit über hundert Millionen dem größten islamischen Land) reicht. Die Länder dieser Region gehören zu den rückständigsten und ärmsten Ländern der Welt. Eine Region, die besonders in ihrem arabischen Teil, auch auch im schiitischen Iran, eine “Überproduktion” von jungen Männern aufweist, welche buchstäblich nichts zu tun haben – weder Arbeit und Ausbildung noch Zukunftsaussichten. Sie haben außer dem (militanten) Islam, der ihnen sagt, dass sie Auserwählte und aufgrund ihrer Religion den anderen überlegen, gleichzeitig aber Opfer im doppelten Sinn – einerseits der eigenen korrupten und vom rechten Glaubensweg abgewichenen Herrscher, andererseits vor allem der übermächtigen Welt der “Ungläubigen”, vor allem den USA – sind, nichts. Diese Grundsituation ist als explosiv zu bezeichnen. Eine Zusammenballung von sozialer und politischer Wut in einer Region, die für die USA ebenso wie für Europa von höchster geostrategischer Bedeutung ist, wo aber das scheinbare Heilsversprechen durch den Islam in Wirklichkeit ein Rezept für die Verlängerung und Verschlimmerung von Rückständigkeit und Armut ist.

Der Islam als die gesamte Gesellschaft umfassende respektive umklammernde Religion ist die Ursache für diese kritische Situation. Für die Massen der Regionen und vor allem für die militante Elite ist der Islam jedoch das einzige “Heilmittel”. Wenn er versagen sollte, so kann nur der Westen daran schuld sein, somit handelt es sich bei der Verübung von Terrorakten gegen den Westen um “Notwehr”.

“Selbst wenn Amerika seine Nahost-Politik völlig umkehren würde, bliebe bestehen, dass der Islam kaum an den Modernisierungsschüben der zeitgenössischen Welt teil hat”, schreibt der deutsche Islam-Kenner Lerch. Eine eigenständige islamische Moderne ist nie entstanden. Der Anteil des Islam an den Naturwissenschaften und an der zivilisatorischen Entwicklung war hoch und dem Westen weit überlegen – allerdings vor tausend Jahren. Heute hat allein Israel mehr Wissenschaftler als die gesamte islamische Welt zusammen. In Griechenland werden mehr Bücher gedruckt als in der islamischen Welt.

Wenngleich sich der Islam nach wie vor als die bessere, überlegene Gesellschaft fühlt – die “khaira ummatin” (die “beste aller Gemeinschaften” ) – so kann er nicht umhin, seine Machtlosigkeit im Vergleich zum Westen festzustellen, was jedoch eher zu einer aggressiven Ablehnung der westlichen Wertvorstellung und gesellschaftlichen Phänomene als zu einer Analyse der eigenen Defizite führt.

Dem Islam steht noch bevor, was das “christliche Abendland” schon lange hinter sich hat, nämlich Aufklärung, Säkularisierung, Trennung von Thron und Altar, Demokratisierung. Nicht ein einziges der 22 arabischen Länder ist auch nur annähernd als Demokratie zu bezeichnen; sie sind entweder Despotien (wie der Iran und Syrien) oder zerklüftete Stammesgesellschaften (wie Afghanistan und der Jemen), religiöse Feudalherrschaften (wie Saudi-Arabien und Marokko) oder gemäßigte Diktaturen (wie Ägypten und Jordanien).

Das Beschriebene stellt ein Entwicklungshemmnis erster Ordnung dar. Wenn nun auch noch ein starrer, orthodoxer Islam als Staatsreligion hinzu tritt, so ist jede geistige Bewegungsfreiheit erstickt – das Ergebnis ist bekannt. Insofern ist die Situation der islamischen Welt mit dem alten Sowjetimperium vergleichbar, denn auch dort hat die ideologische Orthodoxie die intellektuelle, technologische und wirtschaftliche Entwicklung solange behindert, bis der Rückstand gegenüber dem Westen uneinholbar geworden ist.

Die Ansätze zu entsprechenden Erkenntnissen sind nur marginal. Eine Gruppe von arabischen Intellektuellen hat für die UN einen Bericht erarbeitet, in welchem vorsichtig die repressive Rolle der islamischen Orthodoxie – vor allem den Ausschluss der Frauen aus der Bildungswelt – kritisiert wird. Diese Entwicklung kann jedoch nicht als breit bezeichnet werden.

Ein junger islamischer Mann, der nach einem Ventil für seine aufgestaute Frustration bzw. eine Möglichkeit seine Energien einzusetzen sucht, wird ziemlich häufig auf islamische Gruppen verwiesen.

Die Attentäter des 11. September 2001 kamen aus zwei Gruppen: die Führer waren Studenten aus der ägyptischen, saudischen und jemenitischen Mittelschicht. (Mohammed Atta war der Sohn eines bekannten ägyptischen Rechtsanwalts.) Die “Handlanger” kamen fast alle aus einer rückständigen Provinz in Saudiarabien.

Der islamische Radikalismus hat mit den Attentaten des 11. Septembers jedoch nicht das erreicht, was er wollte: den Massenaufstand der “arabischen Straße”. Wenngleich praktisch in allen islamischen Ländern eine klammheimliche Freude vorherrschte, dass es die arroganten Amerikaner nun einmal selbst am eigenen Leib gespürt hatten, blieb das Signal zum Aufstand, welches 9/11 hätte sein sollen, ohne Echo.

Der französische Autor Gilles Keppel argumentiert, dass die Extremisten, die den Dschihad (‘heiliger Krieg’ ) auslösen wollten, total gescheitert seien: der Aufstand der Massen blieb aus. Dennoch gibt es arabische Experten, welche davor warnen, von einem Scheitern des islamischen Radikalismus zu sprechen. Der ägyptische Politologe Dia Sashwand, welcher am Institut für politische Studien in Kairo lehrt, meint, dass Nine Eleven vielmehr die Geburtsstunde des islamischen Nationalismus gewesen sei.

Bleibt die Frage, wie der “Westen” mit diesen Phänomenen umgehen soll? In einen Dialog mit dem Islam treten? Und gleichzeitig rigoros die Terroristen und Radikalen bekämpfen?

Zunächst einmal sollte man sich keine Illusionen machen. Der Islam hat einen hohen Anteil an militanten Strömungen, wahrscheinlich aktuell den höchsten von allen Religionen. Hans-Peter Raddatz (deutscher Orientalist und Systemanalytiker) sagte dazu: “Durch seinen Absolutheitsanspruch und durch das auf vorislamische Stammesstrukturen zurückgehende Prinzip des steten Rechtes des Stärkern ist dem Islam die Gewalt- und Terrorfähigkeit inhärent.” Die Erfahrung, dass man aneinander vorbei redet, machte bisher jeder, der einmal versucht hat, auch nur mit gemäßigten Vertretern des Islams ins Gespräch zu kommen, so auch Kardinal König, welcher sich lange um den Dialog bemüht hat. Gleichlautende Begriffe bedeuten nicht dasselbe und Kritik am Islam ist auch nur ansatzweise verpönt, während sie am “Westen” freizügig geäußert werden darf.

Das größte Problem scheint zu sein, dass viele Muslime die christliche Religion als Rivalen betrachten, obwohl die Religion in den Gesellschaften des Westens nahezu keine Rolle mehr spielt, sondern der “Glaube des Westens” die Offenheit zur Diskussion und zum Infragestellen geworden ist – das ist es, was den gläubigen Muslimen am meisten verunsichert. Über diese Hürde muss ein Dialog mit dem Islam erst einmal kommen.

Literatur

Vgl. Rauscher, Hans (2002): Umgehen mit dem Islam, Wien: Ueberreuther, In: Macht Religion Sinn.

Über den Autor

Hans Rauscher, geb. 1944 in Wien, politischer Kolumnist, Studium der Zeitungswissenschaft und Geschichte in Wien; Auszeichnungen: Karl-Renner-Preis für Publizistik, Österreichischer Preis für geistige Landesverteidigung, Friedrich-Torberg-Medaille der Israelitischen Kulturgemeinde Wien u. a.

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