Landkarten der Konfliktgestaltung

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Ein Gastbeitrag von Zauberlöwin. Zuerst erschienen auf fischundfleisch

Kommt es zu einer Konfliktsituation, so reagiert auch der zivilisierte Mensch steinzeitlich. Zur Stunde der Entscheidung, zu High Noon, zückt jeder jene Waffe, mit der er zu kämpfen gelernt hat.

Tatsächlich gibt es in lebensbedrohlichen (Konflikt-)Situationen nur zwei Reaktionsmöglichkeiten: Angriff oder Flucht. Das Reptiliengehirn, mit dem der Mensch seit der Steinzeit ausgestattet ist, übernimmt getreu dem Motto „der Säbelzahntiger oder ich“ das Ruder. Das vegetative Nervensystem, das sich der bewussten Kontrolle entzieht, reagiert automatisch, der Sympathikus nimmt das Heft in die Hand. D. h. ob der- oder diejenige es will oder nicht, wird Adrenalin ausgestoßen, das Herzminutenvolumen gesteigert, die Atemfrequenz beschleunigt, der Muskeltonus erhöht, die Achillessehne angespannt. Letztgenannte hat dem Menschen im Kampf ums Überleben in der Steinzeit einen schnellen Angriff oder eine ebenso schnelle Flucht ermöglicht. Bereits die Alten Griechen wussten ob der Archillesferse Bescheid: Achilleus, der beinahe unverwundbare Heros der Griechen von Troja, der Hauptheld der Illias von Homer, war von seiner Mutter Thetis in den Fluss Styx, welcher die Unter- von der Oberwelt trennt, getaucht worden. Die Stelle an der Ferse, an welcher sie Achilleus mit der Hand festhielt, blieb vom Flusswasser unberührt und wurde so zu seiner einzigen verwundbaren Stelle.

Folgende Konflikttypen sind im Grunde genommen lediglich Abwandlungen der aus der Steinzeit übrig gebliebenen Angriff-Flucht-Reaktion:

Toter Hund

Geraten zwei Hunde in einen Kampf ums Territorium, wird der schwächere, seine Niederlage instinktiv begreifend, sich auf den Rücken legen und dem überlegenen des Hals zum Biss anbieten. Der überlegene Hund wird, auch ohne die Tötung des Feindes, zum Sieger, der Verlierer muss das Territorium verlassen.

Menschen vom Typ „Toter Hund“ werden in Konfliktsituationen still, nahezu unsichtbar. Sie artikulieren weder Bedürfnisse, noch machen sie Vorschläge. Sie dulden schweigend. Es stellt sich die berechtigte Frage: Wo bleibt ihre Wut?

Faust

Der Konflikttyp „Faust“ sieht, im Gegensatz zum beschriebenen Fluchttyp „Toter Hund“, den Angriff als die beste Verteidigung an. Dieser Typ verschafft sich im Streitfall durch das gewaltsame Überschreiten der Grenze des Gegners Raum. Die Gewaltanwendungen müssen jedoch nicht zwangsläufig physischer Natur sein, denn auch psychische Gewalt, wie z. B. Erpressungen, Drohungen, gehören zu den Strategien dieses Konflikttyps.

Giftpfeil

Will oder kann ein Mensch seine Aggressionen nicht zeigen, so greift der Konflikttyp „Giftpfeil“ zum Zynismus. Der Schütze des Giftpfeiles kann, sich hinter diesem Zynismus versteckend, sohin vermeiden, wahre Gefühlsregungen zu zeigen. Es handelt sich um einen Mischtypen: zunächst erfolgt der Angriff, dann die Flucht. Aus der Witzkultur ist vieles der Versuch, Betroffenheit auf humorvolle Art und Weise zu bewältigen.

Von hinten

Der am häufigsten verwendete Konfliktstil ist jener, bei welchem Koalitionen mit Partner/innen eingegangen werden, die sich gegen andere Anwesende richten. Dieses Konfliktverhalten kann sowohl bei Männerstammtischen, als auch in Frauenrunden beobachtet werden: verlässt eine Person den Raum, so werden die Köpfe zusammensteckt und es wird über sie hergezogen, und zwar solange, bis diese Person wieder den Raum betritt. Der Konflikttyp „Von hinten“, bei dem es sich um Fluchtverhalten handelt, verhindert die Gestaltung von Konflikten und unterbindet Entwicklung. Konflikte werden „einzementiert“. Bei jedem Konflikt wird ein Rechthaben in der Meinung über den jeweils Abwesenden durch die Anwesenden bestätigt. Wer auch immer den Raum verlässt, über denjenigen wird geredet.

Nebelwand

Das Flüchten von in Bedrängnis geratenen Menschen durch den Aufbau einer Nebelwand von Worten und Verhalten, hinter welchen sie nicht mehr greifbar sind, ist vor allem wenn sie rhetorisch gewandt sind, höchst eloquent und „politisch“. Durch dieses Verstecken hinter Worten entziehen sie sich jeglicher Stellungnahme.

Opfer

Das sog. „Opfer“ ist ein mächtiger Angriffsstratege. Das Opfer vertritt zumeist selbst die Meinung, arm und schwach zu sein. In seiner millimetergenauen Inszenierung der Opferrolle, reif für’s Reinhardt Seminar, schreibt dieser Konflikttyp dem Partner die Rolle des bösen Täters zu, indem er berechtigte Anliegen bzw. Grenzsetzungen als gefühllose, unberechtigte Aggression uminterpretiert – eine höchst effiziente Angriffsstrategie.

Stellt sich nunmehr die Frage, ob es auch einen würdevollen Konflikttyp gibt? Einen, der standhält, der sich verteidigt ohne zurückzuschlagen, der klar und deutlich Bedürfnisse artikuliert, und dies ohne hinterfotzig, hinterhältig, zu sein?

Selbstwahrnehmung, das Erkennen der eigenen Anteile am Konflikt, ist die Basis für Veränderung und Entwicklung. An eben dieser Fähigkeit, der Selbstwahrnehmung, mangelt es häufig im Konflikt zwischen Staaten oder Religionen – dort, wo es sich am bedrohlichsten auswirken kann.

Zuhören, eine grundlegende Qualität jedes Gespräches, setzt ein Hineinhorchen in sich selbst voraus. Freud spricht diesbezüglich von den Konfliktfeldern des Über-Ichs, des Ichs und des Es. Wenn das um Perfektion bemühte Über-Ich (Eltern-Ich) und das triebhafte Es streiten, kassiert das in der Mitte stehende Ich die Schläge. Hierbei wird offenbar, wie wichtig es ist, die eigenen Schwächen anzunehmen, eine Beziehung zum eigenen Ich aufzubauen, was Selbstwertgefühl hebt und Ich-Stärke ermöglicht, denn wer außer dem Ich soll den Weg bestimmen? Nur wer diesen Schritt schafft, kann auch die Schwächen am Du akzeptieren. Wer sich selbst akzeptiert und wahrnimmt, kann sein Konfliktverhalten kultivieren und getrost auf die psychische Waffe der Projektion, – die lediglich dazu dient, das, was der Mensch an sich selbst nicht lieben kann, auf andere zu projizieren, die er stellvertretend dafür hassen kann, – verzichten.

Das bisher Gesagte klingt zwar, ehrlich gesagt, reichlich vernünftig und verkopft, jedoch weiß jedes Kind, dass es in Konfliktsituationen um alles andere als um den Verstand geht. Es ist daher ein authentischer Zugang zu den Emotionen gefragt.

Auf der Erde gibt es zwei Typen von Vulkanen: bekannte Vertreter für beide finden sich in Süditalien, und zwar den Stromboli, Vulkaninsel nördlich von Sizilien, sowie den Ätna, den höchsten Berg Siziliens. Der Stromboli, der aktivste Vulkan der Welt, speit alle 15 bis 20 Minuten. Das Magma läuft in einer gebahnten Straße hinunter ins Meer, wo es schließlich im Wasser verzischt. Dieser Vulkan ist einschätzbar. Der Ätna hingegen, der Prototyp eines Stöpselvulkanes, sammelt den Druck über Jahre, bis ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Die Auswirkungen eines Vulkanausbruches sind verheerend. An dieser Stelle sei gesagt, dass der Stromboli nicht wegen jeder Kleinigkeit explodiert und, dass sein Verhalten nicht nur einschätzbarer ist, sondern auch gesünder.

Wer in einem Streit spürt, dass nichts mehr geht, sollte eine Pause machen. Oftmals tut es gut, es einfach gut sein zu lassen … (vgl. Koller, G.; Wögersbauer, G.: Beziehungen leben. LIFE)

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