Religion – Gewalt – Dummheit

Lesezeit: 14 Minuten

Ein Gastbeitrag von @Zauberlöwin. Zuerst erschienen auf fischundfleisch

„Am Berg Sinai wird eine moralisch neue Qualität des Tötens erfunden: es dient nicht mehr nur dem Überleben eines Stammes, sondern dem Triumpf eines Prinzips.“ (Sloterdijk)

Eichberger über die aktuelle Gesellschaftsproblematik:

Aufgrund des Überwiegen des gegenwärtigen Terrors von islamistischer Seite eine kurze Einführung.

  • in das dschihadistische Denken,
  • eine psychoanalytische Interpretation der Sozialisation muslimischer Männer,
  • eine psychoanalytische Reflexion des Fundamentalismus und
  • eine Beschreibung der Radikalisierungsprozesse europäischer Jugendlicher.

Die Monotheismus-Debatte

Dazu die Worte des Theologen Graf (2014), welcher Religionen wie folgt kritisiert: „Fromme Menschen, die sich in ihrer Heilsgewissheit dazu legitimiert sehen, zu morden und zu brandschatzen, „heilige Kriege“ zu führen, Mädchen zu vergewaltigen, Kinder als Selbstmordattentäter in den Tod zu schicken, zwingen uns, darüber nachzudenken, ob Religion als solche immer gut ist. Der Glaube an Gott kann den Menschen enthemmen, brutalisieren, mit Ekel und Hass erfüllen. Angriffe auf andere und deren Ermordung können als heilige Handlung liturgisch inszeniert werden. Dies gab es seit den Anfängen der menschlichen Religionsgeschichte, und es betrifft keineswegs nur bestimmte Religionen im Unterschied zu anderen, sondern jede historisch bekannte Religion.“

Assmann (1998, 2014) betont im Gegensatz dazu die Bedeutung des Monotheismus. Mit seinem Werk „Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur“ (1998) löste er die Diskussion aus. Er sprach von der „intrinsischen Gewalt der monotheistischen Religionen“ (Assmann, 2014, S. 36). Das 1. Gebot – „Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ – sei die Quelle für Intoleranz, Fanatismus, Glaubenshass und zur Bereitschaft zur Vernichtung und Tötung Andersgläubiger.

Nach Assmann ist durch den Monotheismus eine neue Form der Gewalt in die Welt gekommen – jene „im Namen Gottes“.

In der Episode des Goldenen Kalbes (Exodus 32) wird eine extreme Form religiöser Gewalt dargestellt, auf die Sloterdijk (2014) wie folgt hinweist:

„Und Mose trat in das Tor des Lagers und sprach: Zu mir, wer für den Herrn ist! Da sammelten sich alle Leviten um ihn. Er aber sprach zu Ihnen: So spricht der Herr, der Gott Israels. Es lege sich ein jeder das Schwert an die Hüfte. Zieht hin und her im Lager von Tor zu Tor, und es töte ein jeder seinen Bruder, jeder seinen Freund und jeder seinen Verwandten. Und die Leviten handelten nach dem Wort des Mose. So fielen vom Volk an jenem Tag die dreitausend Mann.“ (2. Mose, 32, 26-28).

In diesen Mose-Worten ist erstmalig die Parole jenes Eifers zu erkennen, die als „heilige Rücksichtslosigkeit“ angesehen werden muss (vgl. Sloterdijk, 2007, S. 45). Das heißt, dass mit Gewalt die „Realität göttlicher Ordnung angeglichen“ wird (vgl. Graf, 2014).

Die Geschichte des Islams und seiner Prinzipientreue

Lohlker (2015b) beschreibt pietistische Reformbewegungen im Islam bereits im 17. Jahrhundert. Bereits zu jener Zeit wurde der gesellschaftlichen Amoralität Widerstand entgegengebracht, nämlich jener, welche sich im Genuss von Wein, Kaffee, Tabak, Singen, Tanzen und Musik verkörpert sah. In der weiteren Entwicklung des Islams kam es zu einem Bündnis zwischen der Herrscherfamilie Ibn Saud und Muhammad Ibn Abdalwahhab, dem Begründer der Bewegung des Wahabismus. Basis des Denkens war ein erneuter Rekurs auf den Koran und die Hadithe sowie die Betonung des strikten Monotheismus (vgl. Seidensticker, 2014).

Dies führte zum Salafismus – der gegenwärtigen, bedrohlichen Form einer islamischen Religionsausübung – als neo-fundamentalistische Bewegung, welche auf mehreren Stufen existiert. Und zwar: auf einer puristisch-religiösen Bewegung bis hin zu einer aggressiv-gewalttätigen-dschihadistischen Strömung, welche beispielsweise für die Terroranschläge in Paris (u. a. Charlie Hebdo) und Brüssel verantwortlich zu machen sind (vgl. Ceylan, Kiefer, 2013).

Es geht um die unerbittliche Aufrechterhaltung eines Prinzips: die Ausmerzung des „Falschen“. Sloterdijk weist auf die kulturell explizit gemachte Pflicht zur Grausamkeit hin: so gebietet Moses den Kriegern bei dem Rachefeldzug gegen die Midianiter die vollständige Auslöschung dieses Volkes. Es erzürnt ihn, als er erfährt, dass das israelitische Heer lediglich alle Männer niederschmettert hatte, Frauen und Kinder jedoch in Gefangenschaft führen wollte. In seinem Eifer besteht Moses darauf, auch sämtlichen Knaben und alle erwachsenen Frauen zu töten.

„Die vielfach reflektierten und redigierten Brutalismen der Heiligen Schrift, die um das Jahr 400 v. Chr. ihre Endgestalt erreicht haben dürften, sind nur aus ihrer religiösen Grammatik begreiflich zu machen. […] Noch der heutige Islam ist vom Problem der Apostasie geradezu besessen, wie unter anderem ein fatales Urteil des Fatwa-Ausschusses der al-Azhar-Universität in Kairo bezeugt: nach diesem sind noch heute Apostaten unter gewissen Umständen als Verräter Allah zu töten. Zudem wird der Islam in diesen Tagen mehr denn je vom Argwohn gegen reale oder vermeintliche Blasphemien heimgesucht. Als Angehörige eines Eiferkollektivs, dessen Mitglieder die eigenen kulturellen Schwächen mit zunehmender Deutlichkeit verspüren, versäumen manche muslimischen Eiferer heute keine Gelegenheit, sich von Ungläubigen beleidigt zu fühlen.“ (Sloterdijk, 2014, S. 138).

Der menschliche Hang zur Grausamkeit muss allerdings nicht zwangsläufig an den Monotheismus gekoppelt sein. In einer Liste der Grausamkeit (Brumlik, 2014) liegt der 2. Weltkrieg mit etwa 60 Millionen Menschen an erster Stelle, gefolgt von den Eroberungskriegen des Mao Zedongs mit etwa 40 Millionen Toten.

Allerdings tauchen unter dem Mantel islamistischer Fundamentalismen (wie z. B. von Abu Bakr al Bagdhadi geprägt) Formen menschlicher Grausamkeit aus, die eine gewisse Spitze der Rangliste zu erreichen scheinen.

Dschihadismus

Beim „Dschihad“ handelt es sich um einen Grundbegriff im Denken des aggressiven Islams, speziell des wahabitischen Sunnismus. Darunter wurde im Laufe der Geschichte zunächst der „innere Kampf gegen die negativen Regungen der Triebseele“ verstanden. Später dann „gewaltloser Wiederstand“ und „gerechter Krieg“ sowie „antikolonialer Kampf“ und – in seiner extremsten Ausprägung – “der gewaltsame Kampf gegen die ungläubige Umwelt” (Lohlker, 2015a).

Um 1980 (im Kontext des Afghanistan-Krieges) wandten sich bewaffnete Untergrundgruppen in Ägypten zusammen mit Strömungen aus Parkistan, Libyen, Palästina einer Formulierung zu, welche den Dschihad als gewaltsamen Kampf ansah – die individuelle Pflicht jedes Gläubigen!

Nach dem Attentat des 11. Septembers 2001 entwickelte sich eine globale religiöse Subkultur, die ihren Höhepunkt mit der Ausrufung des „Islamischen Staates“ am 29.6.2014 erreichte.

Es ist daher unzureichend, den Dschihadismus im IS nur als politisch-militärisches, von einer religiösen Ideologie begleitetes, Phänomen anzusehen.

Das religiöse Denken ist zentral für die dschihadistische Subkultur (Lohlker, 2015a). Die Praxis ist entscheidend. Die Gewalttheologie des IS begründet sich durch den gewaltsamen Dschihad, durch die extreme Gewaltausübung des Kalifates und durch die Entwicklung eines spezifischen Todeskultes. Der Eindruck, dass hier „der wahre Islam“ verwirklicht wird, soll vermittelt werden. Es wird der Glaube „mit einem Buch, das rechtleitet, und einem Schwert, das Sieg verleitet“ gebraucht.

Vor allem im Internet werden Bilder mit Embleme von apokalyptischem Inhalt transportiert: das „schwarze Banner aus dem Osten als Zeichen für den Anbruch der Endzeit“.

Das dschihadistische Denken glaubt an die stabile Bedeutung des koranischen Textes sowie der Hadithe. Differenzierte Interpretationsweisen werden abgelehnt.

Zentrales Thema ist die Zugehörigkeit zum einzig wahren Glauben, Abweichler (was diese zu Glaubensabtrünnigen erklärt) fallen unter den Begriff „takfir“. In Abgrenzung der eigenen Gruppe gegen alle anderen – die militärisch zu bekämpfen sind – wird eine als absolut sichere Kenntnis des göttlichen Willens deklarierte Lehre benutzt. Die Einheit und Einzigartigkeit Gottes wird im Konzept des „tauhid“ betont. Die atomistische Isolierung von Koranversen soll die Verwerflichkeit von Demokratie belegen und den Vorrang des göttlichen Rechts betonen.

Mit der „Einigung der kämpfenden Avantgarde unter einem Kalifat“ soll den Problemen begegnet werden, welche die muslimische Weltgemeinschaft (umma) hat. Ziel ist „die Befestigung des militärischen Dschihad gegen die Abgründe des Abgleitens in die Bedeutungslosigkeit und die Vernichtung der Furcht vor dem Westen“ (Lohlker, 2015b).

Der Titel einer islamistischen Zeitschrift bezieht sich auf apokalyptische Traditionen, die besagen, dass „eine der größten Schlachten zwischen Muslimen und Kreuzfahrern nahe Dabiq stattfinden“ wird, einem Gebiet nahe Aleppo.

Folgende 4 Gründe werden angeführt, um dem IS-Kalifat zu folgen:

  1. Das Kalifat ist kein politisches Projekt.
  2. Die moralische Überlegenheit der Gründer.
  3. Die Gründer seien Mudschahids, also Kämpfer, die den militärischen Dschihad kämpfen.
  4. Sie verfügen über religiöse Legitimation, das sie die von Gott, dem Propheten und den salaf versprochenen Anführer sind.

Laut IS ist der ideale Staat konstuiert als Garant für Fömmigkeit, Moralität und Reinheit.

Eine kritische und islamische Sicht vertritt Fahrhad Khosrokhavar (Psycholoie des globalen Jihad, 2010, S. 155) in seiner Psychologie des globalen Jihad: „Die totale Gewalt gegen den Westen und seine Kultur und Dominanz ist die größte Charakteristik des globalen Dschihad.“ Dabei wird die „Scheinanpassung“ an die Regeln der Demokratie als List betrachtet, um an die Macht zu kommen. Die Demütigung des Westen erzeugt ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Unfähigkeit, weshalb vor allem Jugendliche sich in einer Opferrolle empfinden. Das wiederum rechtfertigt die Anwendung absoluter Gewalt gegen eine gottlose Gesellschaft, welche Muslime zurückweist.

Dem Westen wird Gottlosigkeit und fundamentale Perversion attestiert – beispielsweise das Erlauben von Homosexualität, weiblicher Nacktheit, Alkoholkonsum, Drogengebrauch – was als Demütigung von Muslimen angesehen wird und die eigene Lebenshaltung infrage stellt. Dies wird wiederum als beschämend empfunden. Durch traditionelle islamische Werte soll eine Gegenkultur geschaffen werden. Die „anderen“ sind gottlos und daher unwert zu leben. Deren Tod wird zu einem zentralen Ziel.

Da der Westen waffentechnisch überlegen bleibt, bleibt nur der Weg, sich in einer symbolischen Weise gegen die empfundene Demütigung durch den Westen zu wehren: das Märtyrertum ist der Weg, den Westen zu treffen. Bombenattentate zeigen die Macht der Gruppe und die Hilflosigkeit des Westens. In den Augen radikalisierter Gruppen werden die Muslime zu Eroberern: sie sind fähig, Geschichte zu machen, in der sie selbst aktiv sind und dominieren (statt dominiert zu werden). Je mehr Gewalt, desto mehr Ehrfurcht wird durch die Medien vermittelt. Auf diese Art und Weise wird der narzisstische Wunsch nach Anerkennung befriedigt.

Die Tötung im Westen wird als Schutz des Islam angesehen und führt zu keinerlei Schuldgefühlen. Diese Vision zeigt die Unverträglichkeit zwischen der Moderne und dem totalen Islam.

Das dschihadistische Denken scheint darüber hinaus durch eine Verbindung von Heiligung und Läuterung mit Gewalt und Tod geprägt zu sein. Dies hängt mit einem spezifischen Gottesbild zusammen, das einen rachehungrigen, strafenden und übermächtig patriarchalischen Gott zeigt.

Der missionarische Charakter einer Unterdrückungsreligion mit Endzeitvisionen wird im gegenwärtigen europäischen Alltag des salafistisch-dschihadistischen Denkens verwirklicht. Charakteristisch für den Fundamentalismus ist ferner das meist unkritische, wortgetreue Rezipieren heiliger Texte.

Macht Bildung glücklich? Macht Religion dumm?

Sedmak sprach 2014 das Problem der Auswirkung und Bestimmung von Dummheit im religiösen Bereich an und interpretierte sie als “Kategorienmangel”.In der islamischen Welt bieten sich erschreckende Beispiele für diesen Mangel. Als Beispiel dient das 2014 erfolgte Attentat auf die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai: Offenbar kann von einzenen muslimischen Gruppierungen drohende Klugheit von Frauen nicht akzeptiert werden.

Ein weiteres Beispiel für wissenschaftliches Denken im Zusammenhang mit religiösem Gedankengut lieferte der saudiarabische Prediger Bandar al-Khairbari (www.spiegel.de), der vermeinte, die Erde würde sich keineswegs um die Sonne drehen, sondern still stehen. In seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen steht er damit in Übereinstimmung mit der Haltung der katholischen Kirche von vor über 400 Jahren.

Die Erkenntnis von al-Khairbari kann nur noch von muslimischen Selbstmordattentätern, die sich den Penis vor dem Attentat fest umwickeln, um ihn zu schützen (was im Angesicht der Wirkung des Sprengstoffs im Bereich wahnhafter Illusionen liegt) übertroffen werden (Information aus dem Lehrgang über Neosalafistischen Islamismus der DUK, 2015/16).

Oben beschriebenes Verhalten kann jedoch nicht allein durch schlichte Dummheit oder dem Vorliegen von psychischen Störungen erklärt werden, es ist eher durch ein Gefühl der religiösen Großartigkeit und der Unverwundbarkeit auszugehen: so wie die Erde im Mittelpunkt steht, ist auch der Penis des jungen Mannes der nicht zu schädigende Mittelpunkt seiner Existenz. Erklärbar ist diese Haltung lediglich durch einen ungeheuerlichen malignen Narzissmus (Kernberg, 2009).

Zeit, über die Erziehung muslimischer Männer nachzudenken:

Zu diesem Thema hat die aus dem Iran stammende und in Deutschland praktizierende Psychoanalytikerin Marokh Charlier (2007) beeindrucktende Publikationen veröffentlicht: Zunächst beschreibt sie den Prozess der Säkularisierung, welcher sich als “Prozess ständiger Interpretationen, Verhandlungen und Verwandlungen” versteht. Der Beginn des Säkularisierungsprozesses in der westlichen Kultur hat in einer intensiven Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Ordnung in der Zeit der Renaissance, Reformation und Aufklärung begonnen. Patriarchalische Gesellschaften setzen solche Veränderungen mit Sündhaftigkeit gleich. Für Lévi-Strauss (zit. nach Erdheim, 1984) ist für traditionelle Gesellschaften charakteristisch, dass sie gegen “jede Veränderung ihrer Stuktur verzweifelt Widerstand leisten”.

Er prägte hierfür den Begriff “kalte Gesellschaften”.

Es stellt sich die berechtigte Frage, ob es in der Unveränderbarkeit islamischer Gesellschaften um eine Folge der islamischen Theologie oder um die Absicherung der Macht des Patriarchats geht?

Nach Charlier ist die Tradition der patriarchalisch-islamischen Kultur durch die Sozialisation der Jungen tradiert. Die Erziehungspraktiken, welche dem Koran entnommen sind und daher als unveränderliche Wahrheit gelten, erlauben keine individuelle Entfaltungsmöglichkeiten i. S. e. autonomen Ich-Bildung. Stattdessen werden eine kollektive Identität und Unterwerfung unter das patriarchalische Prinzip gefordert. Im Zentrum der islamischen Theologie steht der absolutistische Glaube an und die Unterwerfung unter einen einzigen Gott. Eine progressive Bewegung und die Vorstellung, dass die Zukunft sich verändert, bedeuten für die islamische Theologie einen Abfall vom Glauben. Das Lebensbestreben der Muslime gilt demnach nicht der Gegenwart und/oder der Zukunft, sondern der Vergangenheit samt der Unveränderlichkeit der Prophetentradition, d. h. die gläubigen Muslime sehen ihr Ideal in der Offenbarung Mohammeds. Im Islam (als dem radikalsten Monotheismus) gibt es keinen Platz für ambivalente Gefühlseinstellungen Gott/dem Vater gegenüber.

Der Westen zeichnet sich hingegen durch die Vorstellung eines stetigen Wandels und einer Progression aus.

Anhand der Geschichten von Hiob und Abraham (welche sowohl in der Bilbel als auch im Koran zu finden sind) beschäftigt sich Jad Jiko (2004) mit den Unterschieden in der unbewussten “Rezeption der Vater-Sohn-Beziehung”:Während der Monotheismus in einer Zwischenphase der christlichen Religion in der Dreifaltigkeit als Sohnes- und Mutterreligion eine deutliche Lockerung erfahren hat, hat der Islam eine deutlich strengere Form als das Vorbild eingeschlagen (vgl. Jiko, 2004, S. 27).

Das Geschlecht “männlich” ist im Islam mit der Vorstellung von Überlegenheit und Stärke besetzt. Die primären Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren sind überwiegend Frauen. Die Jungen erleben ihre Väter nahezu ausschließlich über ihre Mütter und die Beziehung ihrer Mütter zu den Vätern: als Besitzer der Frau, als deren Beschützer und Versorger, als Gehorsam verlangende Instanz, welche unendlich grausam sein kann, wenn die Mutter nicht gehorsam ist. Um die Liebe des Vaters nicht zu verlieren, kommt das Abwehrkonzept der globalen Identifizierung zur Anwendung. Der für den Jungen in der Frauenwelt schattenhafte Vater zeigt sich im Alter von sieben bis neun Jahren als “realer Vater”. Der Weg in die Männlichkeit ist gekennzeichnet durch Unterwerfung unter ihn und religiöse Autoritäten. Hier spielt Angst eine wichtige Rolle: die Fähigkeit, Angst zu erzeugen, verschafft Respekt und Achtung. Sie gilt als Tugend von Autoritäten.

Mazarweh formulierte wie folgt: “Der Hass auf den Vater und die Todes- und Mordwünsche werden aus Angst und Schuldgefühlen verdrängt. Die Ängste des Knaben in vielen arabischen Familien werden bestätigt durch die Gewalttätigkeit der Väter, die Angst bleibt nicht nur im Bereich der Phantasie, sondern ist eine Realität, vor der das Kind physich und psychisch vergewaltigt wird. Die Furcht vor dem Vater zwingt die Söhne, ihre Hassgefühle zu verdrängen, den Hass nicht bewusst werden zu lassen. Kaum ein arabischer Sohn würde mit einem bewussten Hass gegen den Vater leben können.” (Mazarweh, Gehad; Lehrgang über neosalafistischen Islamismus, DUK, 2015/16)

Die von Charlier (2010) beschriebene Abwehr durch Identifizierung mit dem Angreifer, welche aus dem gedemütigten Sohn einen Diener des Vaters macht, erinnert an Anna Freud. Die Intensität der durch globale Identifizierung verleugneten aggressiven Affekte einerseits und das Ausmaß des Verlangens nach Liebe andererseits führen u. U. dazu, dass der Sohn im Extremfall später bereit ist, sich für den Vater zu opfern. Dies findet ggf. im Todesopfer und Märtyrertum als Beweis von Männlichkeit, religiöser Treue und Unterwerfung Ausdruck.

Wer sich nicht bedingungslos den Autoritäten unterwirft, wird im Islam als “Kufr”bezeichnet (jemand, der vom Glauben abgefallen ist) und wird verstoßen, im Extremfall getötet, d. h. dem Kufr wird bei autonomen Handeln und Denken praktisch der Tod zugesprochen. Während das individuelle Wachstum be-/verhindert wird, stärkt die Gruppenkohäsion die islamische Gemeinschaft. Oevermann (2006) beschreibt den Islam als eine “Gehorsamsreligion”, die eine Hemmung von Autonomisierung und Individualisierung zugunsten von Konformität mit der Gemeinschaft beinhaltet.

Das Beschriebene erklärt das terroristische Verhalten muslimischer Männer aufgrund ihrer Sozialisation, nicht aber die islamische Grundhaltung des totalitären, faschistoiden Fundamentalismus.

Der N. Y. Psychoanalytiker Strozier (2010, S. 59) stellte folgende Überlegungen über Denkstrukturen des Fundamentalismus an: “Fundamentalisten erleben die Moderne als eine heftige Bedrohung, auf die sie reagieren müssen.” Fundamentalistische Vorstellungen tragen stets apokalyptische Züge, weil sie auf das Ende der gegenwärtigen Welt und der Erlösung in einer neu entstandenen abzielen. Dschihadisten legen die Worte des Koran in ihrer radikalen Weise aus und greifen auf Texte der Hadith-Überlieferungen zurück, um den Islam in den Dienst ihres extrem apokalyptischen, paranoiden und von Gewalt durchtränkten Weltbildes zu stellen. Eine Erlösung ist letzlich nur durch die absolute Auslöschung der Welt samt all ihrer Übel möglich. Der Paranoiker lebt in einer Welt erregter Übertreibungen, bar jeden Einfühlungsvermögens, ohne Sinn für Weisheit, sein Universum ist bestimmt von Argwohn und Aggressivität. Er schwelgt in Größenfanasien. Die Bösen sind in den Augen der Islamisten die Abendländer (Osama bin Laden sprach von “Zionisten” und “Kreuzfahrern”). Der Paranoiker durchschaut den bösen anderen (weil er ihn selbst mit seinen projektiven Manipulationen geschaffen hat), welcher zur Verkörperung des Bösen wird und somit ausgeschaltet werden muss. Wenn in extremen Fällen die Fantasie zur Tat wird, fühlt sich der Paranoiker nicht nur dazu bereits, sondern dazu verpflichtet zu töten.

Die kollektive Beseitigung des anderen, d. h. der Genozid, entspringt einer tief empfundenen idealistischen und moralischen Verpflichtung, die Welt zu verbessern (Lifton, 1961). Militante apokalyptische Bewegungen belassen es nicht bei der Aufteilung der Welt in unversöhnliche Widersacher, sondern sie sehen mit Freuden dem Ende der Zeiten entgegen. Des Weiteren geht es um Reinigung in Verbindung mit dem gewaltsamen Tod. Zahlreiche Religionen verbinden das Thema Reinigung mit dem Opferthema: das Opfer ist eine Möglichekeit, etwas zu läutern und zu heiligen. “Ohne Blutvergießen keine Sündenvergebung”: Der Terrorist opfert sich selbst und bringt jene Menschen, die er mit in den Tod reißt, als Opfer dar.

Interview eines Palästinenser durch Post und Mitarbeiter (2003): “Es ist kein Selbstmord. Wer Selbstmord begeht, ist eigennützig, schwach, psychisch gestört. Es ist istihad” (Märtyrertum im Dienste Allahs). “Die Liebe zum Märtyrertod wurzelt tief im Herzen. Doch diese Belohnungen sind nicht das Ziel des Märtyrers. Sein Ziel besteht einzig darin, Allahs Wohlgefallen zu finden. Auf die einfachste und schnellste Weise geschieh dies, indem man für Allahs Sache stirbt.” (ein Hamas-Führer)

Folglich waren die Angriffe vom 11. September kein politischer Akt, sondern ein religiöser!

Warum wird das Blutvergießen als notwendige Voraussetzung für die Erlösung erlebt?

Diese Vorstellung hängt mit dem Gottesbild zusammen: das Bild eines rachedurstigen, übermächtigen, strafenden, omnipotenten göttlichen Wesen, das Vernichtung fordert. Es gilt, sich für dieses Wesen zu erniedrigen, sich zu demütigen, und es zu beschwichtigen, zu besänftigen und das erfordert Blutopfer. Selbstmordattentäter werden laut Volkan (2016), einem zyprisch-türkischen Psychoanalytiker, aufgrund bestimmter Erfahrungen, zugefügter Erniedrigungen und Traumata ausgewählt und zwei Jahre ausgebildet. Während normale Selbstmordgefährdete ein schwaches Selbstwertgefühl besitzen, haben Selbstmordattentäter ein hohes, weil sie zum Wortführer der Gruppe aufsteigen.

Die Gegenwart religiöser Gewalt in Europa

Der dschihadistische Terrorismus ist kein “Nach-9-11-Phänomen”. Bereits in den frühen 90er-Jahren hatte die Algerische Dschihad-Organisation GIA Netzwerke in Frankreich und anderen europäischen Ländern aufgebaut. Vor den Madrid-Attentaten 2004 waren diese Gruppen durch nordafrikanische Immigranten dominiert, die Gegenwart hat das Bild jedoch verändert (Nesser, 2011; Nesser; Stenersen, 2014). Der norwegische Terrorismus-Experte Petter Nesser stellte im Verlauf seiner Forschungen folgende Typologie dschihadistischer Terrorzellen in Europa fest: Die einzelnen Gruppen würden durch einen “entrepreneur”(an-)geführt, welcher sich proaktiv mit dschihadistischen Netzwerken verbindet, Personal rekrutiert, Kader sozialisiert und trainiert. Diese Führungskräfte wurden in ihren Heimatländern (Afghanistan, Parkistan, Tschetschenien, Bosnien) trainiert und waren dort z. T. Dschihad-Aktivisten. Sie sind erfahrener als ihre Untergebenen, sozial gut funktionierend, gut ausgebildet und angestellt. Etliche haben Frauen und Kinder. Sie sind charismatisch-religiöse und politisch aktive Personen. Ihnen folgen “Protegees”: intelligente, wohlerzogene, gut ausgebildete Personen, welche sich professionell, akademisch und sozial gut verhalten. Sie sind den “entrepreneurs” ähnlich, sind jedoch jünger und haben weniger Einfluss. Sie werden innerhalb der Guppe wegen ihres Wissens benötigt, z. B. für die Herstellung von Bomben, für Informationstechnologie. Sog. “Misfits”, sozial wenig integrierte Personen mit einem gestörten sozialen Hintergrund und einer kriminellen Vergangenheit, sind ideologisch weniger beteiligt und werden meist aus Gefängnissen rekrutiert. Als letzten Teil der Gruppierung führt Nesser “Drifters” an, welche wenig spezifische Gründe haben, um in obigen Teams mitzutun. Die Rekrutierung nützt Elemente der Jugendrebellion und der Abendteuerlust. Vor allem gegen “entrepreneurs” ist man laut Nesser relativ machtlos (und somit auch gegen die einzelnen islamistischen Terrorzellen), weil diese gut angepasst sind und sich bemühen, den Geheimdiensten und der nationalen Polizei nicht aufzufallen.

Vgl. Eichberger, Gerd (2017): Religion und Gewalt – ein Beitrag zu einer aktuellen Gesellschaftspolitik, S. 33ff, In: Riffer, Friedrich et. al. (2017) (Hrsg.): Die Vielgestaltigkeit der Psychosomatik, Springer, Deutschland.

Literaturen: ASSMANN (1998): Moses der Ägypter: Entzifferung einer Gedächtnisspur, Hanser: München; ASSMANN (2014): Monotheismus und Gewalt. Eine Auseinandersetzung mit Rolf Schieders Kritik an “Moses der Ägypter”, In: Schieder (Hrsg): Die Gewalt des einen Gottes, University Press, Berlin, S. 36ff; BRUMLIK (2014): Respektabel, aber falsch: Peter Sloterdijks Verschärfung von Jan Assmanns Mosaischer Unterscheidung, In: ebd., S. 196ff; CEYLAN (2013): Salafismus. Fundamentalistischer Strömungen und Radikalisierungsprävention, Springer: Wiesbaden; CHARLIER (2007): Macht und Ohnmacht. Religiöse Tradition und die Sozialisation des muslimischen Mannes, Psyche 61 (11):1116-1131; ERDHEIMER (1984): Die gesellschafltiche Produktion von Unbewußtsein. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozeß, Suhrkamp: Frankfurt/Main; JIKO (2004): Die Verleugnung der Ambivalenz. Eine psychoanalytischer Annäherung ann den Monotheismus im Islam, Psyche 58(1):26-46; KERNBERG (2009): Narzißmus, Aggression und Selbstzerstörung, 2. Aufl., Klett-Cotta: Stuttgart; KHOSROKHAVAR (2010): The Psyhology of the Global Jihadists. In: Strozier, Terman, Jones (ebs) The Fundamentalist Mindset. Psychological Perspectives on Religion, Vionlence, and History. Oxford University Press, N.Y., pp 139ff; LIFTON (1961): Thought reform and the psychology of totalism: A study of “brainwahint” in China. Norton: New York; LOHLKER (2015a): Dschihadismus – eine religiös legitimierte Subkultur der Moderne. Reiligionen unterwegs 21 (1). LOHLKER (2015b): Die Gewalttheologie des IS: Gewalt, Kalifat und Tod. Vortarg im Rahmen des LG “Neosalafistischer Islamismus” an der Donau-Universität Krems, Department Migration und Globalisierung. Zentrum eligion und Globalisierung. LOHLKER (2015c): Um Gottes Willen – Dschihad. Die Deutung als “Heiliger Krieg” greift zu kurz. Das Parlament 16-17; MARZAWEH (2015): ebd.; NESSER (2010): Joining Jihadi Terrorist Cells in Europe – Exploring Motivational Aspects of Recruitment and Radicalization, In: Randstorp (Hrsg): Understanding Violent Radicalisation: Terrorist and Jihadist Movements ind Europe, Routledge: N. Y.; NESSER/STENERSEN (2014): The modus operandi of Jihadi Terrorists in Europa. Perspectives on Terrorism 8(6); OEVERMANN (2006): Moderninierungspotentiale im Monotheismus und Modernisierungsblockaden im fundamentalistischen Islam. In: Franzmann/Gärtner/Köck (Hrgs.): Religiosität in der säkularisierten Welt, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden, S. 395-428; SCHIEDER (Hrsg) (2014): Die Gewalt des einen Gottes, University Press: Berlin; SEDMAK (2014): Macht Bildung glücklich? Macht Religion dumm? Festvortrag 60 Jahre KBW Ebensee 18.10.2014; SEIDENSTICKER (2014): Islamismus. Geschichte, Vordenker, Organisationen. Beck: München; SLOTERDIJK (2007): Gottes Eifer, Suhrkamp: Frankfurt a. M.; SLOTERDIJK (2014): Im Schatten des Sinai, In: Schieder (Hrsg.): Die Gewalt des einen Gottes, S. 124-149; STROZIER (2010): Die fundamentalistische Denkweise. Psychologische Überlegungen zu Gewalt und Religion. In: Leuzinger-Bohleber/Klumbies (Hrst): Religion und Fanatismus, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen, S. 57 – 76.

Allah; The One (Surah Al-Ikhlas) Songtext ISLAM, Yusuf

For the sake of Allah

We will March to the gates of the Paradise where are our Maidens await

We are men that LOVE DEATH just as you Love your Life

We are the soldiers that fight in the day and the night

Going forth preparing to roar are the brother of light with kuffar in sight

Their ranks are many and weapon are heavy but the Soldier Of Allah are more than ready

For the sake of Allah

We will March to the gates of the Paradise where are our Maidens await

We are men that LOVE DEATH just as you Love your Life

We are the soldiers that fight in the day and the night

Defending the pride of our sisters who have cried for fearing non But the almighty as one

Their voice motivated the men who migrated to fulfill the duty of making God words The Greaters

For the sake of Allah

We will March to the gates of the Paradise where are our Maidens await

We are men that LOVE DEATH just as you Love your Life

We are the soldiers that fight in the day and the night

O my brothers jihad is the way to bring back the honor of our Glorious Day

The Promise Of Allah will always remain that fighting for his sake is the ultimate gain

For the sake of Allah

We will March to the gates of the Paradise where are our Maidens await

We are men that LOVE DEATH just as you Love your Life

We are the soldiers that fight in the day and the night

Now the time has come for the battles to be won Shahadah on our tounges as our hearts beat as one

The sunnah is Alive Khilafah on the rise

The Flag Of Tawheed Shinning bright before our eyes


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