Unser Gehirn passt nicht zu unserer Technologie

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Vor gut einem Jahrzehnt, wurde der Harvard-Professor und renommierte Urvater der Soziobiologie Edward O. Wilson, gefragt, ob Menschen in den zukünftigen 100-Jahren in der Lage sein werden, große Krisen zu lösen.

„Ja, antwortet er, ich denke, wenn wir ehrlich und klug sind“. „Das eigentliche Problem der Menschheit ist Folgendes: Wir haben paläolithische Emotionen, unser Gehirn arbeitet immer noch im altsteinzeitlichen Modus, d.h. in mittelalterlichen Institutionen verhangen in gottgleichen Technologien.“

Seit Wilsons Feststellung haben die gottähnlichen Technologien dramatisch zugenommen, während die alten paläolithischen Impulse unseres Gehirns dieselben geblieben sind.

Aber niemand Beschwert sich gegen die heutigen Tec-Konzerne, dass ihre digitalen Infrastrukturen die natürlichen Kapazitäten unseres Gehirns maßlos überfordert haben. Stattdessen hören wir nur Bedenken, dass die großen Tec-Giganten unsere persönlichen Daten sammeln oder dass sie einfach nur zu groß sind.

Stellen wir uns vor, wir hätten es geschafft, dass Datenschutzproblem zu lösen. In dieser neuen Utopie würden wir alle unsere Daten besitzen und Technologiegiganten wäre es verboten, unseren Online-Aufenthaltsort zu verfolgen. Sie hätten nur noch den Zugriff auf Daten, deren Weitergabe wir genehmigt haben.

Wahrscheinlich würden weniger Sinnlose Anzeigen bekommen und unserer Paranoia wäre nicht so fortgeschritten!

Aber unsere Sucht nach sozialer (Online) Anerkennung in Form von „Likes“ würde weiterhin unsere Aufmerksamkeitsspanne und geistige Sensibilisierung zerstören. Unser Gehirn würde immer noch von Polemik und Hass-Tweets angezogen werden und die demokratische Debatte würde durch Infantilismus ersetzt werden. Jugendliche würden weiterhin, durch Soziale-online-Anerkennung und Cybermobbing ihre geistige Gesundheit und körperliche Fitness einbüßen.

KI-Algorithmen würden uns weiterhin in Richtung Extremismus und Verschwörungstheorien treiben, da die KI-Empfehlungen billiger sind als die Bezahlung echter Redakteure. Und radikale Inhalte, die in sog Online-Filterblase erzeugt werden, würden weiterhin Massenmorde, Vergewaltigungen als sehenswert vorschlagen.

Durch die Beeinflussung von zwei bis drei Milliarden Gehirnen auf diese Weise, halten die heutigen sozialen Medienkonzerne die „Feder“ der Weltgeschichte in der Hand: Die Kräfte, die sie freigesetzt haben, werden zukünftige Wahlen und sogar unsere Fähigkeit, Fakten von Fiktionen zu unterscheiden, im erheblichem Maße beeinflussen und die Spaltungen innerhalb der Gesellschaft vorantreiben.

Der Datenschutz stellt ein erhebliches Problem dar, dass dringend angegangen werden muss. Aber selbst die besten Gesetzte schützen uns nicht vor uns selbst.

Mit unseren frühzeitigen Instinkten können wir den Angeboten der Technologien einfach nicht widerstehen. Es beeinträchtigt die Privatsphäre und unsere Fähigkeit kollektive Probleme zu lösen.

Das liegt einfach daran, dass unser frühzeitliches Gehirn nicht für ein allwissendes Bewusstsein und für die Leiden aller Menschen gebaut ist. Unsere Online-Newsfeeds fassen alles an Schmerzen und Grausamkeiten der Welt komprimiert zusammen und ziehen unser Gehirn in eine Art erlernte Hilflosigkeit. Technologie, die uns nahezu vollständiges Wissen ohne ein angemessenes Maß an Entscheidungsfreiheit vermittelt, sind ein ernstzunehmendes Problem.

Unsere frühzeitigen Gehirne sind auch nicht für die Suche nach der Wahrheit ausgestattet. Informationen, die unsere Überzeugungen bestätigen, geben uns ein gutes Gefühl. Informationen, die unsere Überzeugungen in Frage stellen, tun dies nicht. Tec-Konzerne, die uns mehr von dem Geben, worauf wir gerne klicken, sind an sich uneinig. Jahrzehnte nach der Spaltung des Atoms hat die Technologie die Gesellschaft in verschiedene ideologische Universen aufgeteilt.

Einfach ausgedrückt, die Technologie hat unser Gehirn übertroffen und unsere Fähigkeit verringert, wichtige Herausforderungen zu bewältigen. Das Werbegeschäftsmodell, dass auf der Ausnutzung dieses Missverhältnisses basiert, hat die Aufmerksamkeitsökonomie geschaffen. Im Gegenzug erhalten wir die „freie“ Herabstufung der Menschheit, die Degeneration, die Infantilisierung unserer Gesellschaft.  

Ich denke, das macht uns mehr und mehr unfähig zu überleben; mehr und mehr unfähig den Tod als Gegenstand dessen zu betrachten, dass das Leben erst lebenswert macht. Social-Media bietet jedem die Möglichkeit (grandstanding), mit phänomenaler Leichtigkeit eine große Anzahl von Menschen zu erreichen, und gibt schlechten Wissenschaftlern und Politdarstellern die Möglichkeit, Unruhen zu säen und politische Spaltungen zu schüren.

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1 Kommentar

  1. „Aber unsere Sucht nach sozialer (Online) Anerkennung in Form von „Likes“ würde weiterhin unsere Aufmerksamkeitsspanne und geistige Sensibilisierung zerstören“

    Ist doch wie im wahren Leben,dort giert und geiert auch so ziemlich jeder ständig nach sozialer Aufmerksamkeit und Zustimmung. Die Filterblasen existieren nicht nur im worldwide Web,sondern haben schon vorher reell existiert. Es liegt in der Natur des Menschen sich mit Leuten zu umgeben die änlich ticken wie er selbst.

    „Technologie, die uns nahezu vollständiges Wissen ohne ein angemessenes Maß an Entscheidungsfreiheit vermittelt, sind ein ernstzunehmendes Problem.“

    Jeder hat die Freiheit sich selbst zu entscheiden ob er etwas annimmt oder ob er es ablehnt zu nutzen,das ist im Realen so wie auch im Virtuellen., es bedarf nur der mentalen Stabilität seines eigenen Selbst. Wer dazu nicht fähig ist, der sollte es lieber lassen sich auf Social Media oder Onlineblogs rumzuturnen,dort gibts nämlich eher mal Feuer unterm Hintern als im wahren Leben. Für die Generation Snowflake wäre es eh angebracht sich daran zu gewöhnen,daß es auch andere Meinungen und Ansichten gibt als die ihre und das andere ihre eigenen Positionen genau so verbissen oder besser verteidigen als sie selbst dazu fähig sind, ist nun einmal das Gesetz der Straße…Safe Spaces existieren nunmal nur in den eigenen 4 Wänden und das auch nur,wenn man sich zu 100% von der Außenwelt isoliert.

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